Leseohren aufgeklappt – Vorlesepaten

Kurz vor Ende meiner Berufstätigkeit las ich in der Stuttgarter Zeitung vom geplanten Vorleseprojekt. Zu der Zeit hatte ich mir bereits Gedanken gemacht, dass ich evtl. in einem Kindergarten vorlesen könnte. Ich suchte nach einer Aufgabe, die Sinn hat und außerdem Spaß machen sollte. Lesen, vorlesen, der Umgang mit Kindern hat mich schon immer fasziniert und so überlegte ich nicht lange, denn das Stuttgarter Vorleseprojekt beinhaltet genau das, was ich suchte.

Was mir wichtig erscheint, ist, dass man innerhalb dieses Projekts nicht alleine gelassen wird, sondern die notwendige Unterstützung erhält, sei es pädagogisch, rhetorisch durch Fortbildung oder ganz einfach durch das Empfehlen der geeigneten Literatur.

Inzwischen lese ich das 4. Jahr in der Zentralen Kinderbücherei vor und das mit derselben Begeisterung wie zu Anfang. Die Gruppen, die zum Vorlesen kommen, sind sehr verschieden. Auch Kinder gleichen Alters sind sehr differenziert beim Vorlesen zu behandeln, je nachdem, ob sie aus einem vorlesefreudigen Elternhaus kommen oder nicht. Bei der Auswahl der Bücher decke ich eine größere Spannbreite ab, denn nicht selten entscheide ich mich während des Lesens für ein ganz anderes Buch, weil die Kinder entweder über- oder unterfordert sind.

Ich sehe das Vorlesen als eine gegenseitige Bereicherung an. So wie die Kinder sich über die Geschichten freuen, freue ich mich über die Reaktion der Kinder. Es ist einfach schön, wenn Gruppen immer wieder kommen und ein Kind sagt: ich möchte wieder von dir vorgelesen bekommen. Es zeigt mir, dass dieses Kind Freude an meinem Vorlesen und was weit wichtiger ist, Vertrauen zu mir hat.

Es gibt Situationen, die nicht vorhersehbar sind. Nachdem ich eine Gruppe Viertklässler vorgelesen habe, spricht mich ein Junge an und sagt, nun möchte er noch eine Geschichte über  L i e b e  hören. Ich habe dreimal tief eingeatmet, natürlich konnte ich ihm diese Geschichte nur für das nächste Mal Vorlesen versprechen. Denn dieser Wunsch eines 11-12 jährigen Jungen war für mich doch etwas außergewöhnlich.

Ganz besonders freue ich mich, wenn es mir gelingt, ein Kind, das eigentlich keine Ruhe in sich hat, auf ein Buch zu konzentrieren. Es fordert Sensibilität zu spüren, wo der Zugang zum Interesse dieses Kindes ist. Es können auch kleine Tricks sein wie bei einem hyperaktiven Kind, dem ich meine Fingerpuppe gegeben habe mit dem Hinweis, dass der Bücherwurm es nur bei ruhigen Kindern aushält und sich aufs Vorlesen konzentrieren möchte. Es hat geklappt und ich habe die Hoffnung, dass das Kind außerdem noch etwas vom Bilderbuch mitbekommen hat.

Möglich ist der Dialog mit einzelnen Kindern nur, wenn die Gruppe klein ist und ich bin sehr froh, dass dies ein ganz wichtiger Aspekt von „Leseohren-aufgeklappt“ ist.

Vorlesepatin Ingrid Roth (Gebj. 1942)