Von Selina Gerlach, Robert Bosch Stiftung

Zauber in der Stadtbibliothek

Alle zwei Wochen verwandelt sich der zweite Stock der Stadtbibliothek Stuttgart zur „Lese-Heimat“. Dann kommen rund 25 Kinder aus Stuttgarter Flüchtlingsunterkünften auf die Kinderebene, um in die Welt der Bücher einzutauchen, Lesen zu üben und ihr Deutsch zu verbessern. Dafür werden laufend ehrenamtliche Vorlesepaten gesucht. Zum Abschluss ihrer KOM-Hospitanz hat Selina Gerlach die Lesepaten vor Ort besucht.

 

Besonderes Ereignis zwischen Kinderbüchern

Die Kinderebene der Stadtbibliothek in Stuttgart lädt zum Verweilen ein: überall sind kuschelige Nischen, bunte Kissen und Liegewiesen. Man merkt, dass sich die kleinen Besucher hier rundum wohlfühlen sollen. Trotzdem geht es wie in einer Bibliothek meistens eher leise zu. Das soll sich aber gleich ändern! In einem Nebenraum bereiten sich Mitarbeiterinnen und ehrenamtliche Helfer auf das große Ereignis vor. Im zweiwöchigen Rhythmus sind Kinder aus geflüchteten Familien eingeladen in die Stadtbibliothek zu kommen, um die Welt der Bücher zu entdecken. „Dann verbreitet sich ein Zauber auf der Ebene“, sagt die ehrenamtliche Helferin Irmgard Lederer, „es ist immer aufregend, man weiß nie so genau was passiert, das ist toll!“ Die Helferinnen und Helfer haben sich mit Büchern, Bildern, Stiften und Malsachen ausgestattet und sind bereit für die Kinder. Diese werden mit einem Bus direkt von ihrer Flüchtlingsunterkunft zur Stadtbibliothek gebracht. Ein Teil der freiwilligen Helfer, die Vorlesepaten genannt werden, sind bereits im Bus dabei, damit die Kinder während der gesamten Zeit betreut sind.

 

Plötzlicher Trubel in der Stadtbibliothek

Und dann kommen sie schon! Etwa 25 Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter bilden einen Kreis im Innenhof des Gebäudes und rufen gemeinsam mehrmals das Wort „Bibliothek“. Dann stürmen sie die Treppe hinauf, direkt auf ihre Betreuer zu. Diese Gruppe kennt den Ablauf schon, sie kommen aus der Flüchtlingsunterkunft an der roten Wand am Killesberg. Etwa sechs Mal kommen die Kinder aus derselben Unterbringung, bevor die Gruppe wechselt. Sofort ziehen die Jungen und Mädchen ihre Schuhe aus und machen es sich auf einer grünen Liegewiese bequem. „Den Anfang gestalten wir immer gleich“, erklärt Bettina Kaiser von der Kinder- und Jugendabteilung der Stadtbibliothek, „das ist wichtig für die Kinder, holt sie ab und hilft ihnen runterzufahren“. Deshalb wird erstmal geklatscht, gesungen und sich ausführlich ausgeschüttelt.

 

Ran an die Punkte!

Nach dem Anfangsritual können sich die Kinder aussuchen, zu welchem Vorlesepaten sie gerne möchten. Jeder Pate hat einen farbigen Punkt auf der Brust kleben und die Kinder sind eifrig dabei, sich die passende Farbe zu suchen. „Da gibt es schon auch mal Streit“, berichtet Irmgard Lederer, denn auf einen Betreuer kommen ganz bewusst nur zwischen einem und vier Kinder. Diese Aufteilung ermöglicht eine besonders aufmerksame und individuelle Förderung der kleinen Besucher.

Jeder Pate gestaltet die Stunde mit den Kindern anders: In „Wimmelbüchern“ wird nach versteckten Gegenständen gesucht, es wird gepuzzelt, Memory gespielt, Bilderbücher angeschaut oder einfach ein Buch aus den Regalen gezogen und das Lesen geübt. Ein Junge hat seine Deutschhausaufgaben mitgebracht, weil er weiß, dass ihm in der Lese-Heimat damit geholfen wird. In jeder Lesenische sind jetzt die kleinen Lesegruppen zu finden. Da werden die anderen Besucher auch schon mal neugierig – ein kleines Mädchen, das zufällig mit seiner Mutter da ist, möchte am liebsten auch mitmachen. 

 

Ziele der Lese-Heimat

Das Projekt „Lese-Heimat Stuttgart – Vorlesen für geflüchtete Kinder“ wurde 2015 durch den Verein Leseohren e.V. und die Stadtbibliothek ins Leben gerufen. Das Projekt wird sowohl von der Robert Bosch Stiftung als auch von Primavera e.V. – Hilfe für Kinder in Not der Bosch GmbH unterstützt. Ziel der Lese-Heimat ist die Sprachförderung durch Vorlesen. Durch Geschichten, Bilder und Spiele wird eine fremde Sprache viel leichter von den Kindern gelernt. Außerdem erfahren die Kinder Geborgenheit und Sicherheit durch die Zuwendung und Aufmerksamkeit während des Vorlesens. Dies kann Vorlesepatin Irmgard Lederer nur bestätigen: „Es macht unheimlich Spaß, wenn man merkt, dass die Kinder sich anlehnen und Vertrauen fassen.“

 

Ehrenamtliche Vorlesepaten sind immer gesucht

Wer Lust bekommen hat, sich als Vorlesepate zu engagieren, ist bei der Lese-Heimat immer herzlich willkommen! Das Angebot soll nach und nach auf Stadtteilbibliotheken und in Flüchtlingsunterkünfte ausgeweitet werden. Momentan werden beispielsweise noch Paten für Feuerbach und Vaihingen gesucht. Wer sich die Lese-Heimat einmal anschauen möchte, kann jederzeit bei einem Lesenachmittag hospitieren. Außerdem werden sämtliche Materialien, die benötigt werden, von der Stadtbibliothek gestellt.

 

Kinder lernen Ort der Bücher kennen

Bettina Kaiser fasst zusammen: „Das Schöne an der Lese-Heimat ist, dass die Kinder einen Ort kennenlernen, wo sie willkommen sind, der frei von Konsum ist und wo es Bücher gibt. Hier werden sie wertgeschätzt.“ Und das ist in allen Lesegruppen deutlich zu spüren. Eine Lesepatin macht ein Bilderrätsel mit zwei Mädchen aus Syrien. Wer das deutsche Wort als erstes weiß, darf die Karte behalten. Im Gegenzug möchte die Patin dann immer auch den arabischen Begriff lernen: „Das zeigt den Kindern, nicht nur du musst meine Sprache lernen, sondern ich möchte auch etwas von dir lernen.“

Nach einer ereignisreichen Stunde werden die Kinder wieder mit einem Schlusslied verabschiedet. In der kurzen Evaluationsrunde, die auf jede Lesestunde folgt, besprechen die Paten, was gut lief und welche Ideen sie für die nächste Stunde haben. Alle sind sich einig – es ist eine tolle Erfahrung und sie freuen sich jedes Mal aufs Neue darauf!

 

November 2016

Von Merle Flachsbarth und Julia Mähl

Mit den Ohren lesen

Sie erwecken Figuren zum Leben, leihen ihnen ihre Stimme und lassen Kinderaugen strahlen: Vorlesepaten. Ausgebildet von Leseohren e.V. bringen sie Flüchtlingskindern durch das Projekt „Lese-Heimat“ die deutsche Sprache näher.

Doch hinter dem Ehrenamt verbirgt sich noch mehr. Kinder singen im Chor – manche lauter, andere leiser. Im Stimmengewirr sind unterschiedliche Akzente zu hören. Doch für den Moment zählt nicht, wer schon länger in Deutschland lebt, wer sich zu Hause fühlt oder Heimweh hat.

Für solche Gedanken ist in der Stuttgarter Kinderbibliothek gerade keine Zeit: Die Flüchtlingskinder klatschen, lachen und singen. Mit dem Klischee, dass in einer Bibliothek nur gelesen und geflüstert werden darf, räumt der Leseohren e.V. auf. „Über Musik können die Kinder den Klang der deutschen Sprache wunderbar annehmen", erklärt Bettina Kaiser, Geschäftsführerin des Vereins.

Ziel der Leseohren ist es, Kinder zu erreichen, die möglicherweise in ihrem Umfeld sonst sehr wenig Kontakt zu Büchern herstellen können. Mit seiner ehrenamtlichen Arbeit will der Verein das Bildungsniveau und die Chancengleichheit steigern – bei Kindern jeglicher Herkunft.

Leseohren groß massieren

Die „Lese-Heimat" ist ein Kooperationsprojekt der Stadtbibliothek, der Stiftung „Kinder fördern – Zukunft stiften" und Leseohren e.V. Jeden zweiten Freitag holen ehrenamtliche Vorlesepaten Kinder aus einer Stuttgarter Flüchtlingsunterkunft mit dem Bus ab, um gemeinsam in die Stadtbibliothek zu fahren.

Im zweiten Stock warten dort Regina Rechsteiner und weitere Paten auf die gemischte Truppe, die aus drei bis 14-Jährigen besteht. Mit Kinderbüchern im Arm begrüßt die 31-Jährige die aufgeregte Menge. Als Erstes geht es an die Ohren. Sie werden „groß gemacht": In einem Pulk aus rund 20 Kindern sitzen alle zusammen und massieren mit beiden Händen ihre Leseohren, um sich auf das aufmerksame Zuhören vorzubereiten. Danach teilen sich die Kinder auf und setzen sich mit ihrem selbst ausgesuchten Vorlesepaten in eine Leseinsel, in der ungestört vorgelesen wird.

Lukas Heymann, Pressesprecher bei Stiftung Lesen, weiß, dass der Verein einen wichtigen Beitrag leistet: „Kinder lernen eine ganze Menge durch das Vorlesen. Sie können sich besser auf Texte konzentrieren und auch die sprachlichen Fähigkeiten werden angeregt." Kinder würden es sehr schätzen, wenn ihnen ehrenamtlich vorgelesen werde, berichtet Heymann und bezieht sich damit auf eine Studie von Stiftung Lesen aus dem Jahr 2016. Trotzdem fehle jedem dritten Kind dabei die körperliche Nähe, genauer gesagt: das Kuscheln. Diesen Aspekt sollten die Vorlesepaten berücksichtigen, wenn sie als „Fremder" eine Rolle übernehmen, die sonst von Eltern ausgefüllt wird.

„Wir bauen im Laufe der Zeit eine immer enger werdende Beziehung zu den Kindern auf", meint Regina Rechsteiner und lächelt. Das mag an der kleinen Anzahl an Kindern liegen, denen sie vorliest: Immer so viele, wie auf einen Schoß passen.

Lesen im Dialog

Normalerweise arbeitet die Stuttgarterin freitagnachmittags in der Unternehmenskommunikation, doch seit Dezember 2015 versuche sich Regina Rechsteiner „die Zeit freizuschaufeln" und alle zwei Wochen bei der „Lese-Heimat" dabei zu sein. Sie habe schon länger überlegt, sich in irgendeiner Weise für Flüchtlinge zu engagieren und auch bei den Leseohren mitzumachen. Dann stieß sie auf die „Lese-Heimat" und war begeistert, da das Projekt beide ihrer Interessen verband. Für eine Leserunde bringt Regina Rechsteiner verschiedenen Lesestoff mit – Farbbücher, Wimmelbücher und auch Geschichtsbücher. Je nachdem wie gut die Deutschkenntnisse ihrer Kinder sind, sucht sie mit ihnen eines davon aus. „Es ist oft kein reines Durchlesen, wie man es sich vorstellt, sondern eher ein Gespräch mithilfe des Buches", erklärt sie.

Individuelle Lesebetreuung

In der heutigen Leserunde kümmert sie sich um Layal und Ghazal. Während das eine Mädchen schon fließend Deutsch spricht und stolz von einem Schulaufsatz erzählt, ist das zweite Mädchen jünger, eher zurückhaltend und noch unsicher. Um ihr den Einstieg zu erleichtern, bittet die Vorlesepatin die beiden, ihre Namen aufzuschreiben und unterhält sich mit ihnen darüber.

Danach dürfen sie sich für ein Buch entscheiden – die Wahl fällt auf eines über Farben. Das gefällt sowohl Layal als auch Ghazal. Den Umgang mit Kindern in schwierigen Lesesituationen und wie man sie bei Bedarf aus der Reserve lockt, lernen die Paten auf diversen Workshops und Fortbildungen, welche die Leseohren anbieten. Die Themenschwerpunkte werden vom Verein gewählt, die Schulung an sich wird von einem externen Experten durchgeführt.

Vorallem beim Projekt „Lese-Heimat" seien Workshops erforderlich, um die Vorlesepaten auf die geflüchteten Kinder vorzubereiten. Um besser auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen zu können, werden die Paten in den Workshops über ihre Lebensumstände informiert. Für Regina Rechsteiner ist Lesen und Vorlesen ein wichtiger Bestandteil des Lebens: „Da steckt ganz viel drin für die Persönlichkeit. Es gibt einem die Möglichkeit zu wachsen." Das Vorlesen sei ihrer Meinung nach ein Weg, jungen Flüchtlingen Nähe, Geborgenheit, aber auch Bildung zu vermitteln.

Laut Sprachwissenschaftlerin Dr. Nina Pucciarelli nähmen Eltern als erste Instanz eine bedeutende Rolle und Vorbildfunktion für ihre Kinder ein: Wo viel gelesen werde, sei es wahrscheinlich, dass auch die Kinder später gerne und viel lesen. Doch nicht nur die Eltern, auch die Freunde seien gerade bei Kindern ab sechs Jahren ein entscheidender Faktor, ob gelesen werde oder nicht. Sollte beides nicht der Fall sein, könne man durch andere Einflüsse wie den Kindergarten oder die Schule dafür sorgen, dass die Kinder Freude am Lesen fänden.

Schließlich neigt sich der Vorlesenachmittag dem Ende zu. Noch einmal versammeln sich alle Kinder für eine gemeinsame Verabschiedungsrunde, bei der gesungen und sich bewegt wird. Dann ist es auch schon Zeit zu gehen. Die Kinder packen schnell ihre Sachen zusammen und laufen gemeinsam zum Bus. Hand in Hand verlassen sie die Kinderbibliothek – ihr aufgeregtes Plappern ist noch den ganzen Weg bis nach unten zu hören.

 

Juli 2017